Pischetsrieder kündigt konzernweites Ombudsmann-System an / KPMG legt dem Aufsichtsrat schriftlichen Bericht vor

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Wolfsburg (ots) – Die Volkswagen AG wird in Kürze ein
konzernweites und international strukturiertes Ombudsmann-System
einführen. Darüber hinaus wurden bereits konzernweit Genehmigungs-
und Kontrollmodalitäten verschärft. Das sagte der
Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Dr. Bernd Pischetsrieder, am
Freitag in Wolfsburg. Zuvor hatte die unabhängige
Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG dem Aufsichtsrat einen
schriftlichen Bericht zur so genannten Volkswagen-Affäre vorgelegt.
Pischetsrieder: „Wir ziehen weitgehende Konsequenzen. Volkswagen wird
nach innen und nach außen ein transparenteres Unternehmen.“

Mitte des Jahres 2005 hatten sich bei der Internen Revision
Hinweise gegen den damaligen Skoda-Personalvorstand Dr. Helmuth
Schuster und den damaligen Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer
verdichtet. Beide stehen im Verdacht, an einem Netz von Scheinfirmen
und der Veruntreuung von Geldern beteiligt zu sein, um sich
persönlich zu bereichern. Es wurden umgehend personelle Konsequenzen
gezogen, beide Mitarbeiter mussten das Unternehmen verlassen.
Zugleich stellte Volkswagen Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft
Braunschweig und beauftragte zusätzlich zur Internen Revision die
KPMG mit einer vollständigen und umfänglichen Sachverhaltsaufklärung
aller Themenkomplexe. Betriebsratsvorsitzender Dr. Klaus Volkert
legte seine Mandate nieder. Personalvorstand Dr. Peter Hartz übernahm
die politische Verantwortung für Unregelmäßigkeiten in seinem Ressort
und trat Anfang August zurück. Bislang waren rund 50 Mitarbeiter der
Internen Revision und der KPMG in Deutschland, aber auch
international mit der Aufarbeitung befasst.

Der Vorsitzende des Prüfungsausschusses des Aufsichtsrates, Dr.
Klaus Liesen, stellte dazu am Freitag in Wolfsburg fest: „Nach
heutigen Erkenntnissen wurde von Konzernangehörigen und
Außenstehenden versucht, den Volkswagen-Konzern über Scheinfirmen und
getarnte Beteiligungen in größerem Umfang abzuschöpfen und zu
betrügen. Diese Aktivitäten sind jedoch nach heutigem Erkenntnisstand
im Wesentlichen im Versuch stecken geblieben. Die Kontrollsysteme
haben gegenüber diesen Aktivitäten weitgehend funktioniert.“
Andererseits seien in bestimmten Teilbereichen des Konzerns in der
Vergangenheit über so genannte Eigenbelege dem Unternehmen erhebliche
Mittel wahrscheinlich auch für Privatzwecke entzogen worden. „Hier,
in diesem Sektor, sind erforderliche Kontrollsysteme wie das
Vier-Augen-Prinzip nicht vorhanden gewesen.“

„Interne Revision und KPMG haben mit Hochdruck die Papiere und
Daten aufgearbeitet, die uns zur Verfügung standen“, sagte
Pischetsrieder. „Das ist noch nicht zufriedenstellend, da an dem
Gesamtbild noch wesentliche Puzzleteile fehlen, auf die wir intern
keinen Zugriff haben. Ich bin sicher, sie werden sich durch die
intensiven Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und des
Landeskriminalamtes einfügen. Entscheidend dafür sind
Detailkenntnisse über das Ausgabengebaren von Herrn Gebauer, die uns
nicht vorliegen. Zu den privaten Geldbewegungen über Herrn Gebauers
Konten hat Volkswagen zum Teil aus rechtlichen Gründen noch keinen
Zugriff.“ Auch das sei für Volkswagen ein Grund gewesen, frühzeitig
die Strafverfolgungsbehörden mit ihren weitergehenden
Ermittlungs-möglichkeiten einzuschalten. „Volkswagen wird
Staatsanwaltschaft und LKA auch in Zukunft nach Kräften unterstützen,
um die Sachverhalte vollständig aufzuklären.“

Der Bericht der KPMG legt dar, wie einzelne Mitarbeiter versucht
haben, das Unternehmen zu schädigen, Abrechnungs- und andere
Regelungen zu umgehen und sich Vorteile bis hin zur persönlichen
Bereicherung zu verschaffen. Basis sind die Informationen, die der
Internen Revision von Volkswagen und KPMG vorlagen.

Sechs Themenkomplexe hat die KPMG untersucht:

1. In Angola sollten ein Montagewerk und ein Vertriebsnetz für VW-
und Skoda-Fahrzeuge eingerichtet werden. Dabei waren Schuster und
Gebauer über verdeckte Beteiligungen mit hoher Wahrscheinlichkeit an
dem Projekt persönlich finanziell beteiligt.

2. In Indien soll ebenfalls ein VW-Montagewerk errichtet werden.
Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass in diesem Zusammenhang Gelder
auf privaten Konten von Schuster und Gebauer eingegangen sind.

3. Eine Projektgesellschaft wollte in Prag ein Auto-Forum
einrichten. Daran waren auch Gebauer und Volkert sowie eine Bekannte
von Schuster beteiligt. Die Vermutung liegt nahe, dass die Bezahlung
von Gesellschafteranteilen auf Veranlassung von Gebauer letztlich
durch Volkswagen erfolgte, und zwar durch fingierte Rechnungen.

4. Schuster hat versucht, unrechtmäßig Mittel des Pensionsfonds
von Volkswagen am Markt anzulegen. Die Umsetzung scheiterte an der
frühzeitigen Kommunikation mit dem Bankinstitut und an den
funktionsfähigen internen Kontrollsystemen bei Volkswagen. Die
Untersuchungen haben keine Hinweise auf missbräuchliche Verwendung
der Mittel ergeben.

5. Nach vorliegenden Erkenntnissen hat Gebauer in den vergangenen
fünf Jahren Eigenbelege in Höhe von 939.000 Euro abgerechnet. Es gibt
Belege dafür, dass er teilweise private Ausgaben auch für sich selbst
und für betriebsfremde Personen aus seinem Umfeld über Volkswagen
abgerechnet hat. Dazu gehören Reisen, Schmuck und Barbesuche.

Für weitere 635.000 Euro an eine Bekannte von Volkert lässt sich
keine angemessene Leistung erkennen. Ein Teil der von ihr gestellten
Rechnungen wurden durch Hartz zur Zahlung freigegeben.

6. Es wurden unter anderem Reisekosten von Schuster mit
zweifelhafter betrieblicher Veranlassung festgestellt.
Nach gegenwärtigen Erkenntnissen aus den sechs Komplexen ist für den
Volkswagen-Konzern ein monetärer Gesamtschaden von rund fünf
Millionen Euro entstanden. Die KPMG erwartet bei den Punkten Angola,
Prag und Pensionsfonds keine wesentlichen neuen Erkenntnisse mehr.
Andere Komplexe konnten noch nicht abschließend beurteilt werden.
Bevor das abschließende Gutachten präsentiert werden kann, sind im
Interesse der Vollständigkeit des Berichts und einer lückenlosen
Aufklärung zusätzliche Erkenntnisse einzubeziehen. Zudem ist der
Fortgang der Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden abzuwarten.
Darüber hinaus werden vor Fertigstellung des Abschlussberichts alle
Beteiligte die Möglichkeit erhalten, Stellung zu beziehen.

Pischetsrieder sagte: „Die Abrechnung von Eigenbelegen in der
aufgedeckten Höhe ist völlig inakzeptabel. Wir haben umgehend unsere
Genehmigungs- und Kontrollmodalitäten vor allem für Reisekosten und
Spesen verschärft.“

Der Vorstandsvorsitzende kündigte zudem ein konzernweites
Ombudsmann-System an: Zwei vom Unternehmen beauftragte Rechtsanwälte
sollen Hinweise auf mögliche Korruptionssachverhalte vertraulich
entgegen nehmen und sie an das Unternehmen weiterleiten. Die
Hinweisgeber bleiben auch aufgrund der anwaltlichen Schweigepflicht
strikt anonym, wenn sie das wünschen. Im Rahmen einer klar
definierten Struktur werden die Hinweise auch auf internationaler
Ebene konsequent und zügig geprüft.

Pischetsrieder: „Wir stärken damit unsere Prävention und
Transparenz. Und wir stellen sicher, dass jeder Mitarbeiter und
Geschäftspartner in einer vom Unternehmen unabhängigen Umgebung
Vorgänge ansprechen kann, die seiner Meinung nach einer Überprüfung
bedürfen.“ Die Ombudsmänner werden in Kürze ernannt, erste Gespräche
sind bereits geführt worden.

Der Vorstandsvorsitzende machte weiter deutlich, dass Volkswagen
Schadensersatzansprüche geltend machen wird. Der Bericht der KPMG
wird außerdem den Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung gestellt.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hat ihrer Untersuchung bisher
25.500 Seiten aus rund 97.500 gesichteten Schriftstücken zugrunde
gelegt. Die elektronischen Datenträger umfassten knapp 400.000
Dateien mit einem Volumen von 134 Gigabyte. Darüber hinaus hat die
KPMG rund 100 Personen zur Sachverhaltsaufklärung befragt.

Hinweis: Ein Management Summary des Berichts der KPMG finden Sie
in unserer Pressedatenbank unter www.volkswagen-media-services.com.
(Nutzername:nov003; Passwort: vw1105)

Pressekontakt:
Volkswagen Konzernkommunikation
Leiter Konzernkommunikation
Kontakt: Dirk Große-Leege
Telefon: 0 53 61 / 9-2 31 55
Telefax: 0 53 61 / 9-2 14 73

Unternehmenskommunikation
Kontakt: Thomas Mickeleit
Telefon: 0 53 61 / 9-8 76 04
Telefax: 0 53 61 / 9-7 94 44
E-Mail: thomas.mickeleit@volkswagen.de

Quelle: news aktuell GmbH

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